Herr Schräder, schön, dass Sie sich heute Zeit genommen haben, um mit uns über Ihre Tätigkeit als 1. Vorsitzender und das Vereinsgeschehen zu sprechen. Mittlerweile haben wir über 25 Interviews unter dem Titel „Daumen-Hoch fürs Ehrenamt“ geführt, aber einen Berührungspunkt mit dem Thema „Jagd“ hatten wir bisher noch nicht. Erzählen Sie doch gern, wofür der Verein der Wolfsburger Jägerschaft steht und wie es dazu gekommen ist, dass Sie dem Verein beigetreten sind.
Unser Verein kümmert sich neben der Interessenvertretung der Wolfsburger Jägerinnen und Jäger um den Artenschutz, die Biotoppflege (z. B. durch das Anlegen von Blühstreifen) und den Naturschutz in unserer Stadt. Außerdem vertreten wir mit unseren Jagd- und Schutzaktivitäten die Interessen der Landwirte und Forstbesitzer. Durch einen kontrollierten Wildschweinbestand gibt es beispielsweise weniger Flurschäden auf frisch eingesäten Ackerflächen. Gleichzeitig haben wir ein Kitzrettungsprogramm, bei dem wir in der Erntezeit mithilfe vieler Freiwilliger die entsprechenden Ackerflächen vor dem Einsatz der Erntemaschinen systematisch absuchen und das junge Wild vertreiben, damit es bei der Ernte nicht verletzt wird. Menschen, die hierbei helfen möchten, können sich auch ohne Jagdausbildung bei uns melden unter: kitzrettung@jaegerschaftwolfsburg.de.
Durch einen kontrollierten Rehwildbestand werden junge Bäume im Forst geschützt, und außerdem wird das Risiko von Wildunfällen verringert. Weniger Rehe bedeuten also automatisch weniger Verkehrsunfälle?
Ja, das lässt sich tatsächlich nachweisen. In meinem Jagdgebiet in Wolfenbüttel konnten wir die Wildunfallrate im Frühjahr um 60 % im Vergleich zum Vorjahr verringern, indem wir junge Böcke aus dem Bestand genommen haben. Man muss wissen, dass junge Böcke im Frühjahr ununterbrochen Revierkämpfe führen und dabei von älteren Rehböcken quer durch den Wald gehetzt werden. Dabei kommt es oft vor, dass sie entgegen ihrer eigentlichen Scheu blindlings über Straßen laufen.
Und wie sind Sie selbst zur Jagd und zum Engagement in der Wolfsburger Jägerschaft gekommen?
Da muss ich ein wenig ausholen: Alles begann damit, dass ich auf meinem Weg zum Golfclub Gifhorn im Barnbruch ein beeindruckendes Tier tot am Straßenrand liegen sah. Im Golfclub sprach ich dann einen Bekannten an, von dem ich wusste, dass er Jäger ist, und wollte wissen, um welches Tier es sich handelt. Er erklärte mir anhand meiner Beschreibung, dass es ein Dammhirsch gewesen sein muss. Das hat mich irgendwie nicht mehr losgelassen, und eine Woche später habe ich mich in Wolfsburg zum Lehrgang für die Jägerprüfung angemeldet. Das war 2005. Nach der erfolgreichen Prüfung habe ich mich in meinem Hegering engagiert und wurde dort nach kurzer Zeit Schriftführer.
Als der Hegeringleiter dann bald zurücktrat, habe ich auch diese Position übernommen und bin so immer weiter in die organisierte Vereinsarbeit im Jagdbereich hineingewachsen. Nun bin ich bereits seit 12 Jahren erster Vorsitzender unseres Vereins und werde das voraussichtlich auch noch bis 2027 bleiben.
Welche Aufgaben haben Sie konkret als 1. Vorsitzender?
Neben dem Papierkram ist es meine wichtigste Aufgabe, den Überblick zu behalten und sicherzustellen, dass wir bei all unseren Aktivitäten stets die Einhaltung der Satzungsziele gewährleisten, damit wir unseren Status als gemeinnütziger Verein erhalten. Ich kümmere mich aber auch um die Öffentlichkeitsarbeit und halte z. B. Vorträge vor verschiedenen Interessengemeinschaften. Zuletzt wurden wir oft zum Thema „Marder im Haus“ oder auch „Wolfsbegegnungen“ angefragt.
Wie viel Zeit nimmt Ihre Tätigkeit in Anspruch, und wie vereinbaren Sie Ehrenamt und Beruf?
Zeitlich nimmt das Ehrenamt immer so viel in Anspruch, wie man selbst dafür aufwendet. Ich schätze, bei mir sind es pro Tag rund 90 Minuten. Natürlich war es am Anfang mehr, aber mit der Zeit sammelt man Erfahrung, und gewisse Tätigkeiten gehen schneller von der Hand. Außerdem wächst der Vorstand idealerweise mit der Zeit besser zusammen. Bei uns arbeiten sowohl der Vorstand als auch der erweiterte Vorstand in vielen Bereichen sehr selbstständig, sodass ich nicht immer überall eingebunden bin. Das weiß ich übrigens sehr zu schätzen, und dafür geht ein riesiges Dankeschön an die Kolleginnen und Kollegen!
Bei einem Interview zum Thema „Jagd“ kommen wir natürlich an einem ganz aktuellen Thema in unserer Stadt nicht vorbei: Wie schätzen Sie die aktuelle Situation rund um das Thema „Wölfe in Wolfsburg“ ein?
Wir haben hier reichlich Wölfe! Der jüngste Wolfsangriff an der Grenze zu Wolfsburg fand in Scheppau statt, dabei wurden drei Rehe gerissen. Davor ist aber längere Zeit nichts passiert. Ich würde sagen, dass dies eine „trügerische Ruhe“ ist, da viele Tierhalter ihre Tiere jetzt im Winter vermehrt im Stall halten. Im Frühjahr wird es sicher wieder zunehmen… Nach dem aktuellen Bestand in Niedersachsen ist der Wolf hier meiner Meinung nach nicht mehr gefährdet.
Aktuell befinden sich übrigens zwei Wolfsberater für unsere Stadt in der Ausbildung beim NLWKN (Niedersächsischer Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz). Sobald diese offiziell berufen sind, wird es in unserer Stadt wieder Ansprechpartner geben, an die sich die Wolfsburgerinnen und Wolfsburger mit Fragen, Ideen und Anregungen zum Thema „Wolf“ wenden können. Man sollte allerdings nie vergessen, dass Wildtiere immer mit Respekt behandelt werden sollten. Auch die kleinen possierlich wirkenden Nutrias können für kleinere Haustiere lebensgefährlich sein, wenn sie angreifen.
Was war Ihr schönstes Erlebnis als Jäger oder als Vorsitzender der Jägerschaft unserer Stadt?
Vor ein paar Jahren haben meine Kinder und ich in unserem Garten ein verwaistes Rehkitz gefunden. Ich habe dann quer durchs Land telefoniert, bis ich eine Auffangstation gefunden habe, die das Tier aufnehmen wollte. Wir sind schließlich bis nach Rotenburg gefahren, um das Kitz in die Kitzrettungsstation zu bringen – und es hat tatsächlich überlebt!
Wenn Sie sich etwas für die Jägerschaft in unserer Stadt wünschen dürften, egal was, was wäre das?
Ich würde mir mehr Beständigkeit und Vertrauen seitens der Politik in unsere seit Jahrzehnten etablierten und mit viel Know-how geschaffenen Jagdgesetze wünschen. Leider wird nach jeder Wahl an den Gesetzen gearbeitet, was nicht immer zum Vorteil von Tier und Wald ist. Insgesamt würde ich mir wünschen, dass künftig der Leitspruch „Wald mit Wild“ und nicht „Wald vor Wild“ verfolgt wird. Aber ich denke das führt hier ohne die entsprechenden Fachkenntnisse der Leserschaft zu weit …
Kommen wir zu unserer Abschlussfragen: Wenn in Ihrem Bekanntenkreis ihr Ehrenamt zur Sprache kommt und Sie merken, dass jemand unentschlossen ist sich vielleicht auch einmal ehrenamtlich zu engagieren. Was raten Sie ihm bzw. ihr?
Ich kann jedem nur empfehlen, ein Ehrenamt anzunehmen. Ich bin fest davon überzeugt, dass sich in unserer heutigen Zeit viele zu sehr auf den Staat verlassen. Viele Aufgaben könnten wir einfacher und sogar besser umsetzen, wenn wir sie privat oder vereinsgestützt organisieren würden. Für mich persönlich hat das Ehrenamt nicht nur meine Persönlichkeitsentwicklung positiv beeinflusst, sondern auch mein Verständnis und den Umgang mit anderen Menschen bereichert. Man lernt unheimlich viele verschiedene Menschen kennen, und das bereichert das Leben enorm!