Geschäftsführung als Ehrenamt: Herbert Haun im Interview

Herr Haun, wir haben ein wenig recherchiert und herausgefunden, dass Sie früher selbstständiger Unternehmer in der IT bzw. Personalbranche waren. Was hat Sie dazu bewegt, von der Rolle des erfolgreichen Unternehmers in die Position des ehrenamtlichen Geschäftsführers einer Stiftung zu wechseln?

Ich war damals in der privilegierten Situation, finanziell unabhängig zu sein, und wollte meinen Übergang in den Ruhestand aktiv gestalten. Es war Zeit, die „jungen Leute“ in meiner Firma die Verantwortung übernehmen zu lassen. Fortan hatte ich viel Zeit, und mit der wollte ich etwas Sinnvolles anfangen und dabei langsam „runterfahren“.

Später habe ich dann gelernt, dass im Wesentlichen ehrenamtlich aufgebaute Organisationen für die Geschäftsführung durchaus neue Herausforderungen mit sich bringen. Aber insgesamt kann ich für mich sagen, dass die Grundidee, in einem zeitlich festgelegten Rahmen einen guten Übergang in den Ruhestand zu gestalten, mit dem ehrenamtlichen Engagement bei der NEULAND Stiftung Wolfsburg gut geklappt hat.

Sechs Jahre sind Sie nun als Geschäftsführer tätig. Was war aus Ihrer persönlichen Sicht der größte Erfolg der Stiftung in den letzten Jahren?

Es ist die Entwicklung und Etablierung der eigenen Projekte der Stiftung: Zum einen  das Jugendprojekt „wohnsionär“. Das Projekt soll jungen Menschen einen Rahmen geben, um ihre ganz eigene Idee vom Wohnen in Wolfsburg zu entwickeln. Hierbei sind in der Vergangenheit die unterschiedlichsten Herangehensweisen von den Jugendlichen gewählt worden von der Organisation einer Kunstausstellung, über die Produktion einer Fernsehsendung bis hin zur Entwicklung einer App.

Ich freue mich, dass wir die Heinrich-Nordhoff-Gesamtschule 2015 für die Idee von „wohnsionär“ begeistern konnten und sie das Projekt zukünftig dank engagierter Lehrkräfte in eigener Regie fortsetzen wird.

Neben „wohnsionär“ ist uns die Ausweitung des Seniorenprojektes „Herz+Ohr“ ein wichtiges Anliegen. Dieses Projekt haben wir zu Zeiten der Pandemie geschenkt bekommen und konnten es erfolgreich modernisieren, in seinen Kernthemen erhalten und ausbauen, sodass wir heute viele Menschen gefunden haben, die sich in diesem Rahmen engagieren und regelmäßig ihre Zeit einsamen älteren Menschen in Wolfsburg schenken.

Gibt es eine besondere Begegnung bzw. Erlebnis aus Ihrer täglichen Arbeit, an das Sie besonders gern zurückdenken?

Viele sagen über mich, ich habe ein gutes Gespür für Menschen. Es ist damals schon als Unternehmer meine Passion gewesen, die richtigen Menschen für den richtigen Platz zu finden. Und so war es nicht die eine besondere Begegnung, sondern durch die Jahre habe ich viele Menschen kennengelernt, die spannende Erfahrungen und Ansichten mitbringen. Ich freue mich immer, wenn ich Ihnen durch meine Lebenserfahrung, aber auch mein Netzwerk neue Chancen für ihre Entwicklung ermöglichen kann.

Jihan, Eni, Zoé – alle sind junge Menschen, Berufseinsteiger, die ich in der Stiftungszeit mit ihrer jeweils ganz eigenen Lebens- und Bildungsgeschichte kennenlernen durfte. Gemeinsam haben wir für alle ihren beruflichen Weg ebnen oder begleiten können, und auch wenn dieser sie außerhalb der NEULAND Stiftung Wolfsburg geführt hat, so engagieren sie sich auf die eine oder andere Weise immer noch für unsere Idee von einem lebenswerten Wolfsburg!

Die NEULAND Stiftung Wolfsburg setzt sich nach eigenen Angaben für das soziale Miteinander ein. Was wünschen Sie sich für die Stiftung und Wolfsburg für die Zukunft?

Ich wünsche mir, dass „Herz+Ohr“ sich sowohl inhaltlich als auch von den Menschen her, die wir erreichen können, positiv weiterentwickelt. Die Grundidee ist ja, einsame Senioren wieder ins Leben zu holen. Vielen von Ihnen müssen tatsächlich „abgeholt“ werden, weil wir auch aus Datenschutzgründen immer schwerer an die Zielgruppe herankommen. Deshalb wünsche ich mir, dass wir in Zukunft mit der Idee noch mehr Menschen erreichen, damit „Herz+Ohr“ noch größer und noch bunter werden kann!

Auch für das Projekt „wohnsionär“ wünsche ich mir, dass sich immer wieder junge Menschen finden, die das Projekt mit der Unterstützung der NEULAND Stiftung Wolfsburg selbstverantwortlich und vor allem kontinuierlich weiterentwickeln. Insgesamt wünsche mir, dass die Stiftung mit ihren Projekten in der Stadtgesellschaft noch mehr Aufmerksamkeit findet, als wir es heute schon erreicht haben.

Der Einsatz für benachteiligte Bevölkerungsgruppen wird auf der Homepage der NEULAND Stiftung Wolfsburg explizit als ein Ziel der Stiftungsarbeit genannt. Wenn wir Sie nun fragen, wie jeder von uns schon im Kleinen anderen helfen kann, haben Sie eine spontane Idee?

Wir träumen immer davon, ad hoc irgendwie irgendwo helfen zu können. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass das Thema „benachteiligte Bevölkerungsgruppen“ hochkomplex ist. Es ist gut, wenn man sich erfahrenen Organisationen anschließt, und das kann tatsächlich auch mit kleiner Zeit und kleinem Aufwand geschehen: Das Carpe Diem, die Tafel, die Flüchtlingshilfe mit ihren spezifischen Hilfsangeboten brauchen immer Hilfe!

Auch wir in der NEULAND Stiftung Wolfsburg suchen Menschen, die bei „Herz+Ohr“ anderen ein wenig von ihrer Zeit abgeben oder einen Teil der Stiftungsarbeit übernehmen möchten. Die Liste lässt sich lang fortsetzen. Ich sage immer: Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.

Unsere letzte Frage dreht sich immer um die Werbung fürs Ehrenamt: Wie wichtig ist das Ehrenamt für unsere Stadt und wie kann man Menschen davon überzeugen, ein bisschen ihrer Zeit anderen zu schenken?

Viele nicht engagierte Menschen glauben, Engagement sei zeitraubend, belastend und im Übrigen nicht die eigene Aufgabe – es sei Aufgabe der Kommune, des Landes oder des Staates. Die Erfahrung zeigt aber, dass ehrenamtliches Engagement jung hält, Kontakte fördert und den eigenen Wert erkennen lässt, Man lernt dazu, bleibt geistig beweglich und erweitert den eigenen Horizont.

Ganz viele hoch aktuelle Dinge gerade im sozialen Bereich in unserer Stadt funktionieren nur, weil Ehrenamtliche sich immer und immer wieder engagieren. Wenn wir das Ehrenamt wegdenken würden, würde das soziale Gemeinwesen zusammenbrechen. Deshalb lohnt sich, einmal die eigene Prioritätenliste zu überdenken und an einer bestimmten Phase im Leben, wenn zum Beispiel die Kinder aus dem Haus sind, doch einmal ein paar Stunden Zeit für andere zu investieren. Die meisten sind überrascht, wieviel sie dafür zurückbekommen!

Du möchtest dich auch ehrenamtlich engagieren?

Im Bereich „Bürgerengagement“ findet du zahlreiche Organisationen und Angebote, die auf deinen Einsatz warten!

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