Im Interview: Jürgen Teichmann – Engagiert sich beim DRK – auch im Ausland

Herr Teichmann, im Vorgespräch berichteten Sie, dass Sie Ihr langjähriges Engagement beim DRK u.a. nach Prag, Rumänien aber auch in den Kosovo geführt hat. Aber wie hat das alles denn ursprünglich mal angefangen?

Im Jahr 1981 entschied ich mich statt des Wehrdienstes für den Wehrersatzdienst beim DRK. Das bot mir im Vergleich zum klassischen Wehrdienst die Möglichkeit mein Studium nebenbei weiterzuführen ohne pausieren zu müssen. Dass mich mein Einsatz beim DRK fortan nicht mehr loslassen würde, konnte ich damals natürlich noch nicht ahnen (schmunzelt).

Ich habe in dieser Zeit meine ersten Grund- und Führungsausbildungen gemacht wie z.B. die Sanitäts-und Logistikausbildung. 1989 wurde ich dann zu meinem ersten Auslandseinsatz nach Prag entsandt. Wir haben damals in der Prager Botschaft Menschen betreut und verpflegt die im Zuge der Grenzöffnung dort Zuflucht gesucht hatten.

Danach standen aber noch weitere Auslandsaufenthalte an, oder?

Ja! Später habe ich mich im Rahmen unserer Organisation einige Jahre um die Aufbauarbeit Ost gekümmert und bin dabei hauptsächlich in Rumänien im Einsatz gewesen. Damals gab es dort noch keine Hilfsorganisationen und wir haben zunächst Hilfstransporte organisiert, um die Bevölkerung und die Hilfskräfte vor Ort mit dem Nötigsten zu versorgen.

Später ging es dann darum, eine nachhaltige Infrastruktur zu schaffen, Logistik zu organisieren und vor allem Personal im Sanitätsdienst aber auch im Bereich des Katastrophenschutzes zu schulen. Dieser Aspekt ist bei unserer Arbeit eigentlich der wichtigste: Learning by doing und damit langfristig Hilfe zur Selbsthilfe zu ermöglichen.

Heute profitieren wir oft davon, dass wir als DRK eigentlich überall auf vorhandene Infrastruktur und geschulte Helferinnen und Helfer zurückgreifen können. Das ermöglicht uns im Bedarfsfall eine schnelle Einsatzbereitschaft und letztendlich schnelle Hilfe für die Bevölkerung.

Ihre Auslandseinsätze waren aber nicht immer so friedlich, oder? Sie erwähnten, dass Sie auch im Kosovo Krieg vor Ort geholfen haben… Was sagte Ihre Familie denn damals dazu?

Das war 1997, als ich für ein Vierteljahr vor Ort war als Delegierter vom Internationalen roten Kreuz in Albanien am Hafen die Zollformalitäten und die Logistik für die Hilfslieferungen abgewickelt habe. Hinter diesen Hilfslieferungen steckt jede Menge Logistik und leider auch Papierkram – selbst wenn Krieg ist.

Diese Zeit war ein prägendes Erlebnis für mich, weil ich hier viel Leid der Bevölkerung gesehen habe. Was mich aber letztendlich bestärkt hat, hier immer wieder zu helfen!

Meine Familie war anfangs natürlich nicht begeistert von dem Gedanken, dass ich in ein Kriegsgebiet gehe, aber sie stehen 100 % hinter meinem Engagement und ich glaube, anders ist das, in dem Umfang wie ich mich engagiere, auch nicht möglich!

Im direkten Kontrast gefragt: Was war denn ihr schönstes Erlebnis, wenn Sie an die letzten Jahre bzw. sogar Jahrzehnte zurückdenken?

Puh, es fällt mir schwer, da ein bestimmtes Ereignis zu benennen. Tatsächlich war es meist der Moment, wenn ich merkte, dass ich etwas Nachhaltiges geschaffen habe. Wissen Sie, ich war nach den Auslandseinsätzen viel als Ausbilder aktiv und habe Helferinnen und Helfer in den unterschiedlichsten Bereichen aus ganz Niedersachsen geschult. Als ich dann im Rahmen der Großschadenereignisse wie dem Elbehochwasser oder auch dem Hochwasser im Ahrtal immer wieder Kontakt mit meinen damaligen Schülerinnen und Schülern hatte, die inzwischen ganze Einheiten leiteten und koordinierten, hat mich dies sehr stolz gemacht!

Sie waren doch sicherlich auch in der Corona-Krise mit im Einsatz, oder?

Das war rückblickend gesehen wahrscheinlich die größte Herausforderung in meiner langjährigen Ehrenamtsbiografie. Helfen im Ausnahmezustand! Vorher habe ich auch das Leid bzw. die schlimme Situation der Bevölkerung gesehen. Ich wusste um die Gefahr für mein eigenes Leben im Einsatz. Wenn aber die eigene Familie, Freunde und Bekannte auch Teil des Ausnahmezustands sind, ist das nochmal eine ganz andere Situation…

Damals war ich ganz frisch im passiven Teil meiner Altersteilzeit, als Corona begann. Wenn sich so eine Situation zuspitzt, dann sagt man, dass das Personal mit der Lage nach unten wächst. Das bedeutet, dass die Landesregierung bei den Hilfsorganisationen Personal zur Unterstützung und Expertise angefragt hat. So war ich dann dabei, als sich in der Landesfeuerwehrschule in Celle Fachpersonal aus Behörden, Medizin und Hilfsorganisation aus dem ganzen Bundesland trafen, um die Lage bestmöglich zu koordinieren und zu kontrollieren.

Verzeihen Sie mir die Wortwahl, aber im ersten Moment klingt das ein wenig nach „Krisencamp“?

Das ist gar nicht so falsch. Wir wurden damals in einer Kaserne untergebracht und letztendlich wusste ja trotz aller Expertise vor Ort niemand wie sich die Lage wirklich entwickeln würde!

Wir haben uns auf unterschiedliche Worst-Case-Szenarien vorbereitet. Ich habe mich später hauptsächlich im Rahmen des Kleeblattmechanismus darum gekümmert, bundesweit die bestmögliche Versorgung der beatmungspflichtigen Patientinnen und Patienten zu koordinieren. Hierfür haben wir täglich Kapazitäten bei den Kliniken abgefragt und Patienten so im Bundesgebiet (um)verteilt, sodass möglichst vielen geholfen werden konnte.

Zu den Hochzeiten haben wir hier im Dreischichtbetrieb gearbeitet, um das zu gewährleisten. Durch einen persönlichen Kontakt von mir konnte eines Tages, durch die Unterstützung des inzwischen leider verstorbenen Dr. Klein, ein Patient aus Thüringen im Wolfsburger Krankenhaus versorgt werden.

Auf diese vorhandene Infrastruktur und die erprobten Abläufe konnten wir jetzt auch im Ukraine-Krieg zurückgreifen. Einige Ukrainerinnen und Ukrainer müssen aus medizinischen Gründen aus dem Land ausgeflogen werden, weil die medizinische Versorgung in der Ukraine hier nicht gewährleistet ist. Auch diese Patientinnen und Patienten verteilen wir dann je nach Kapazität auf die deutschen Kliniken. Aber das ist ein anderes Thema…

Und sicherlich nicht weniger spannend! Leider würde das unseren Rahmen unseres Interviews sprengen. Deshalb kommen wir langsam zum Ende: Herr Teichmann, denken Sie nach 40 Jahren mittlerweile ans Aufhören?

Aufhören? Soweit würde ich noch nicht gehen, aber ich ziehe mich langsam ein bisschen zurück und gehe quasi Ehrenamts-ATZ. Ich habe die letzten Jahre viel Know-how eingebracht und weitergegeben und da sind sicherlich viele Menschen, die meinen Job jetzt übernehmen können! Ich bleibe aber der ein oder anderen Arbeitsgruppe noch als Fachberater erhalten und habe auch noch die Hausaufgabe bekommen, eine Kostenschätzung für das internationale Supercamp des DRK mit rund 3.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern aufzustellen. Das macht man auch nicht mal so eben nebenbei…

Aber Ehrenamt macht mir Spaß und ich bleiben weiter ansprechbar. Ich sage immer „Fragen kostet nichts“ bei mir zumindest nicht – und das sage ich als ehemalige Controller (lacht).

Unsere letzte Frage bezieht sich immer auf die Werbung fürs Ehrenamt. Wenn Sie bei einem Geburtstag ein Gespräch zum Thema Ehrenamt mitbekommen, schalten Sie sich ein und werben aktiv für ein Engagement? Wenn, ja mit welchen Argumenten?  

Mich hat mein ehrenamtliches Engagement über die Jahre enorm bereichert: Ich habe viel für mich persönlich gelernt und beeindruckende Menschen kennenlernen dürfen! Es müssen ja nicht immer gleich 40 Jahre sein, sondern es kann ja auch nur phasenweise sein für ein begrenztes Projekt, oder eine jährlich stattfindende Veranstaltung. Letztendlich gilt wie fast überall: Tue Gutes und rede darüber: Mund-zu-Mund-Propaganda ist wahrscheinlich die beste Werbung fürs Ehrenamt!

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