Im Interview: Bärbel Weist – Kultur- und Denkmalverein Fallersleben e.V.

Frau Weist, Sie sind den meisten Wolfsburgerinnen und Wolfsburger wahrscheinlich vor allem als ehemalige Bürgermeisterin der Stadt Wolfsburg und langjährige Ortsbürgermeisterin von Fallersleben bekannt. Heute wollen wir aber über Ihr Wirken für den 1980 gegründeten Kultur- und Denkmalverein in Fallersleben sprechen. Wie sind Sie dazu gekommen sich hier zu engagieren?

Alles hat damals mit dem desaströsen Zustand des Geburtshauses von Hoffmann-von-Fallersleben begonnen. Dieses wertvolle historische Gebäude im Herzen der Fallersleber Altstadt drohte aufgrund der instabilen Bausubstanz abgerissen zu werden. Das konnte ich so nicht hinnehmen! Um das Gebäude zu retten hat sich dann unter meiner Leitung eine Bürgerinitiative gegründet, deren Ziel lautete: „Rettet das Hoffmannhaus!“
Jeder konnte damals an unseren Versammlungen teilnehmen und es wurden die unterschiedlichsten Ideen eingebracht. Eine davon war: Ziegelsteine in Gold, Silber und Bronze anzumalen und auf dem Wochenmarkt zu verkaufen, um damit Geld für die Sanierung des Gebäudes zu sammeln. Ein örtlicher Baustoffhändler nahm Kontakt zu mir auf als er von unserer Aktion in der Zeitung gelesen hatte und spendete die Steine. Im Keller meines Wohnhauses wurden diese dann in den nächsten Tagen und Wochen von den Mitgliedern unserer Bürgerinitiative handbemalt! Rund ein Jahr lang ging diese Aktion.

Zwischenzeitlich hatte die Stadt Wolfsburg in Zusammenarbeit mit einem renommierten Architekten mit der Sanierung des Geburtshauses von Hoffmann-von-Fallersleben begonnen, sodass wir das eingenommene Geld verwendeten, um Stilmöbel aus der Biedermeier-Zeit zu kaufen. Diese Möbel wurden damals im Geburtszimmer des Hauses ausgestellt. Mittlerweile stehen sie im Trauzimmer des Schlosses Fallersleben und sind somit zum Bindeglied der beiden wichtigsten historischen Gebäude in Fallersleben geworden. Auch heute noch ist im Hoffmannhaus eine Gaststätte beheimatet und die Räumlichkeiten erinnern an vielen Stellen an Hoffmann-von-Fallersleben. Es ist ein Treffpunkt für Fallersleben geblieben!

Wie haben sich die Aufgaben des Kultur- und Denkmalvereins über die Jahre verändert?

In den vergangenen Jahren und Jahrzenten haben sich zum Glück viele Menschen in der Sanierung und Erhaltung unserer historischen Gebäude in der Fallersleber Altstadt engagiert. So liegt der Schwerpunkt unserer Vereinsarbeit in den vergangenen Jahren weniger auf dem Denkmalschutz und der –pflege, sondern vielmehr auf der Förderung von Kunst und Kultur und der Vermittlung unserer Stadtgeschichte in Fallersleben.

Hierbei ist es meine Aufgabe als Vereinsvorsitzende Ideen zu entwickeln, um die Vereinsziele zu erreichen. Wir bieten Vorträge, Reisen und historische Stadtführungen an. Natürlich beteiligen wir uns auch an den Veranstaltungen im gesamten Stadtgebiet und in anderen Städten. Wir haben auch eigene Veranstaltungen wie z.B. den Weihnachtszauber im Fallersleber Schlosshof, einen Kräutermarkt und historische Feste in Leben gerufen. Grundsätzlich geht es uns darum die besondere Geschichte von Fallersleben sichtbar zu machen und die Menschen vor Ort auf die historischen Besonderheiten erlebbar zu machen und diese und das Wissen darum, für zukünftige Generationen zu erhalten.

Das klingt, als ob Sie sehr viel Zeit in dieses Ziel investieren, oder?

Wissen Sie, wenn ich gefragt worden bin, wie viel ich arbeite habe ich immer gesagt „Ich habe nie gezählt wie viele Stunden ich arbeite. Diese Zeit um das zu dokumentieren und zusammenzurechnen nutze ich lieber, um etwas zu bewegen!“ Als Gründerin des Vereins ist das natürlich neben all den ehrenamtlichen Tätigkeiten, die ich über die Jahre gemacht habe meine Herzensangelegenheit und ich empfinde das nicht als Arbeit – es macht mir ja auch Freude!

Auf den Bildern von www.kulturverein-fallersleben.de sieht man Sie und einige Bilder im historischen Kostüm. Wie kommt man denn an solch historische Gewänder und verraten Sie uns wie viele Sie davon im Schrank haben?

Meine Kostüme sind fast alle aus der der Renaissance-Zeit von Herzogin von Clara um das 16. Jahrhundert. Viele davon sind selbstgenäht! Wir haben das Glück in unseren Reihen viele Frauen zu haben, die früher in Hauswirtschaftslehre in der Schule unterrichtet worden sind und dementsprechend viele der Kostüme nach historischen Schnittmustern genäht haben. Zusätzlich fuhren wir ab und zu nach Hamburg und Berlin, um an der Oper bzw. am Theater beim Ausverkauf des Fundus etwas zu erstehen. Dort haben wir auch schon Kleider für die den Nachwuchs gekauft. Wir haben einen umfangreichen Fundus an historischen Kostümen!

Wofür nutzen Sie denn all diese Kostüme?

Wir bieten seit über 20 Jahren historische Stadtführungen an. Fallersleben hat eine über 1.000-jährige Geschichte und mit Hoffmann-von Fallersleben und der Herzogin von Clara zwei historisch sehr bedeutsame Persönlichkeiten. Um ein authentisches Erlebnis zu schaffen, mache ich die Führungen meist im historischen Gewandt. So stehe ich dann auch neben dem Denkmal der Herzogin von Clara und die Leute haben schon mehrfach gesagt ich würde wie Claras aussehen! Die Statue ist übrigens auch durch unseren Verein angeschafft worden.

Ihr Verein hat sich der Förderung des Denkmalschutzes und der Denkmalpflege, sowie der Förderung und Kunst und Kultur verschrieben. Ein Thema was auf den ersten Blick die Jugend nicht unbedingt anspricht und trotzdem sieht man Sie in Fallersleben immer wieder auch an der Seite von jungen Menschen. Wie funktioniert die Nachwuchsarbeit in ihrem Verein?

Zum einen sind wir schon immer aktiv auf die Schulen zugegangen und haben Angebote gemacht z. B. bei den traditionellen Veranstaltungen wie den Umzug vom Schützenfest gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern zu begleiten. Mittlerweile haben wir eher die Grundschulkinder im Fokus, weil die sich in der Regel für unsere historischen Kostüme begeistern. Die Verkleidung als Prinzessin, oder als Ritter oder Herold sorgt bei den Kindern regelmäßig für Begeisterung.

Mit der Grundschule Fallersleben haben wir zum Beispiel eine Kooperation wo die Schülerinnen und Schüler in historischen Kostümen Theaterszenen aus Hoffmanns Kindheit nachspielen. Die Texte für alle Szenen (es sind über 50) habe ich alle selbst geschrieben. Trotz der Begeisterung der Kinder fehlt uns Nachwuchs in der älteren Generation. Wir würden uns sehr über Zuwachs freuen.

Im nächsten Jahr wird der Fallerslebener Kultur- und Denkmalverein 45 Jahre alt. Welche Gegebenheit oder welche Veranstaltung sind Ihnen in besonders wertvoller Erinnerung geblieben? Gibt es da etwas, dass Ihnen spontan einfällt?

Aufgrund der Gebiets- und Verwaltungsreform im Jahr 1972 fand eine Nutzungsänderung des Fallersleber Schlosses statt. Zuvor war es lange als Rathaus genutzt worden und dann zum Museum der „Deutsche Demokratie im 19. Jhd.“. Zur Einweihung kam Rita Süssmuth in ihrer Funktion als Präsidentin des deutschen Bundestages nach Fallerseben. Es war mir eine ganz besondere Ehre sie als amtierende Ortsbürgermeisterin bei uns an diesem Tag zu begleiten. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir dabei unser Gang vom Geburtshaus Hoffmann von Fallersleben hinüber zu Schloss. Hier standen viele Menschen und haben geklatscht und ich konnte Fallersleben von seiner schönsten Seite zeigen.

Zum Abschluss unseres Interviews stellen wir unseren Gästen immer die gleiche Frage: Wenn Ihr Freundes- oder Bekanntenkreis auf Ihr Ehrenamt zu sprechen kommt und Sie gefragt werden, warum Sie sich alle die Jahre so für Fallersleben engagieren. Was sagen Sie?

Ganz einfach: Ich gebe nie auf.

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