Im Interview: Frau Kayser-Sturm – Ehrenamtlich tätig, um psychisch Erkrankte und deren Angehörige zu unterstützen

Frau Kayser-Sturm Sie berichteten im Vorgespräch, dass Sie mittlerweile drei Selbsthilfegruppen für psychisch Erkrankte sowie deren Angehörige leiten. Wie sind Sie dazu gekommen und wieso liegt Ihnen das Thema so am Herzen?

Als selbst Betroffene bin ich auf viel Unverständnis gestoßen. Ich wusste selbst nicht, was mit mir los war. Seit 2006 ging es mir nicht gut, ich war manchmal nicht in der Lage zur Arbeit zu gehen, dabei liebte ich meine Arbeit, sie machte immer Spaß. Ich fühlte mich überfordert, konnte nicht mehr richtig Denken, musste mir Notizen machen, weil ich mir kaum etwas merken konnte. Krankengymnastik, Osteopathie, Globuli und Behandlung beim Chiropraktor, nichts half. Die Odyssee endete mit starkem Schwindel.

Im August 2009 versagte mein Gleichgewichtsorgan. Da ich mich kaum davon erholen konnte, halbierte ich meinen Ganztagsjob. Ab September 2013 arbeitete ich nur noch 12 Stunden in der Woche. Im Mai 2014 konnte ich dann gar nicht mehr arbeiten. Eine Reha brachte keinen Erfolg und so wurde ich voll berentet. Vier Jahre Verhaltenstherapie folgten.

Es dauerte lange, bis ich so weit war, auf mich selbst zu achten und Abstand zu schwierigen Situationen zu gewinnen. Als es im Sommer 2014 eine schwere psychische Erkrankung in meiner Familie gab, zog es mir völlig den Boden unter den Füßen weg. Ich begann nach Hilfe für Angehörige und Betroffene in Gruppen zu suchen. Ich traf auf die Selbsthilfegruppe für Angehörige im Netzwerk in der Schillerstraße in Wolfsburg. Peter Behrens leitete die Treffen. Da er sich umorientieren musste, wurde ich seine Nachfolgerin. Nach meiner Odyssee war es mir wichtig, mich ehrenamtlich zu engagieren. Zur Angehörigengruppe gesellten sich die TrauDich Selbsthilfegruppe für Anerkennung psychischer Erkrankung und die Selbsthilfegruppe für Betroffene psychischer Erkrankung.

Eine der Selbsthilfegruppen richtet sich primär an die Angehörigen von psychisch Kranken. Weshalb braucht es hierfür eine eigene Gruppe?

Angehörige sehen sich vielfach Stigmatisierungen gegenüber. Sie stoßen in der Familie, bei Kollegen und Freunden oft auf Unverständnis. Das Umfeld ist meist mit der Thematik überfordert, Kontakte werden abgebrochen. Erschwerend ist, ihre betroffenen Kinder, Partner oder Freunde versuchen, ihnen zu verbieten über sie und ihre Erkrankung zu sprechen. All diese Belastungen sind für Angehörige schwer zu ertragen.

Und so wird der Austausch mit Gleichgesinnten als sehr hilfreich erlebt. Unsere Selbsthilfegruppe unterliegt der Schweigepflicht und bietet so einen geschützten Raum, um sein Gegenüber um Rat zu fragen, weil viele mit ähnlichen Herausforderungen konfrontiert sind. Außerdem bietet die Gruppe die Gelegenheit einfach mal zu sagen, wie schwer es oft im Alltag ist, ohne die Sorge, von seinem Gegenüber dafür verurteilt zu werden. Alle hier sitzen im selben Boot und wissen um die Probleme, Sorgen und Nöte im Alltag mit psychisch Erkrankten.

Sie engagieren sich auch über die Organisation der Selbsthilfegruppen hinaus und berichteten, dass Sie Vorträge, Lesungen oder auch Filmabende veranstalten, um gesamtgesellschaftlich auf das Thema der psychischen Erkrankungen aufmerksam zu machen. Wie sieht ihre Idealvorstellung einer Gesellschaft aus, in der psychisch Erkrankte vollständig akzeptiert und in den Alltag integriert sind?

Für mich selbst vermute ich starke Ängste unserer Mitmenschen gegenüber Erkrankten als Grund für die Stigmatisierung der Betroffenen. Ich würde mir wünschen, sich selbst einmal zu reflektieren und sich zu fragen? Was bewirken solche Nachrichten bei mir? Wie beeinflussen sie meinen Umgang mit meinen Mitmenschen, insbesondere mit psychisch Erkrankten? Habe ich dadurch Vorurteile? Denn oft wird unterschätzt, wie viele Betroffene es gibt.

Basierend auf epidemiologischen Studien sind in Deutschland jedes Jahr 27,8 % der erwachsenen Bevölkerung von einer psychischen Erkrankung betroffen. Dies entspricht 17,8 Millionen Menschen und damit ziemlich genau der Einwohnerzahl von Nordrhein-Westfalen!

Mir liegt einfach daran, psychische Erkrankungen anzuerkennen wie jede andere Beeinträchtigung. Niemand würde von einem Querschnittsgelähmten verlangen, einen Marathon zu laufen. Und was für den Querschnittsgelähmten der Marathon ist, ist für den Menschen mit starker Depression vielleicht schon der tägliche Gang zur Arbeit! Es wäre für uns Menschen ein gutes Miteinander, jeden so zu akzeptieren wie er/sie ist. Nur so funktioniert in meinen Augen echte Integration.

Angenommen jemand hat den Verdacht, dass der Austausch mit Gleichgesinnten einem betroffenen Familienmitglied oder jemand aus dem Freundeskreis guttun könnte – Wie können Angehörige Betroffene davon überzeugen, sich einer Selbsthilfegruppe anzuschließen? Haben Sie gute Argumente, die helfen könnten?

Betroffene zu überzeugen ist nicht einfach, sie leiden unter Ängsten oder wollen sich nicht öffnen, doch einen Versuch ist es immer wert, ihnen einen Flyer oder eine Telefonnummer in die Hand zu drücken. Gerade für Betroffene ist der gegenseitige Austausch hilfreich, denn egal um welche Erkrankung es sich handelt, die Probleme mit der Außenwelt klarzukommen sind eigentlich immer ziemlich identisch.

Man lernt in der Gruppe viel über sich selbst, kann über Belastendes offen sprechen. Welche Erfahrungen mit Ärzten, Therapeuten oder Kliniken gibt es? Wo finde ich hilfreiche Einrichtungen und Unterstützung. An wen kann ich mich wenden? Und welche Hilfsangebote gibt es sonst noch?

Wenn Sie an all die Jahre zurückdenken, die Sie sich jetzt schon für Betroffene engagieren. Kommt Ihnen spontan ein besonders bedeutendes Erlebnis, oder eine schöne Begegnung in den Sinn?

Ja! Es gab einen Vorfall, der führte bei einer Person zum Ausschluss aus einer Gruppe und einen 2., da gab es einen krankheitsbedingten Rückfall. Die betroffene Person konnte über Monate nicht zur Gruppe kommen. Heute freue ich mich über die wieder regelmäßige Teilnahme der beiden am Gruppengeschehen. Um zu verstehen, warum es Grund zur Freude ist, sollte man ein ungefähres Verständnis für psychische Erkrankungen haben. In der Regel ist es ein Auf und Ab in der Erkrankung. Vielfach gibt es Phasen, da ist der Alltag für die Betroffenen gut machbar und dann gibt es wieder Phasen wo sich die Betroffenen am liebsten nur noch verkriechen möchten. Die regelmäßige Teilnahme der beiden zeigt mir, sie fühlen sich wohl und schaffen es, auch in den „schlechteren Phasen“ herzukommen.  Mir und der Gruppe zeigt ihr Verhalten, sie sind bereit an sich zu arbeiten, allein dafür haben sie sich die Anerkennung der anderen Teilnehmenden verdient.

Ein 3. Fall betrifft eine junge Frau. Sie litt unter den Bedingungen an ihrem Arbeitsplatz und bekam Panikattacken, wollte dennoch nicht krankgeschrieben werden. Denn sie hatte Angst, ihre Wohnung zu verlieren, wenn sie die Arbeit nicht machen könnte. Mittlerweile ist sie stabil, hat einen neuen Arbeitsplatz gefunden der besser zur ihr und ihren Bedürfnissen passt und freut sich des Lebens. Alle guten Dinge sind drei und ich freue mich über diese Entwicklungen!

Wir beenden unser Interview traditionell mit der Frage, wie Sie andere Menschen vom ehrenamtlichen Engagement überzeugen würden. Angenommen Sie sitzen in gemütlicher Runde im Freundeskreis und das Gespräch kommt auf Ihr Engagement. Was entgegnen Sie auf die Frage warum Sie all die Zeit investieren, ohne dafür zumindest monetär etwas zurückzubekommen?

Mir ist wichtig, Menschen ohne Stigmatisierung zu erleben. Mir ging es mit 59 Jahren schlecht, ich wurde vorzeitig berentet und durch meine eigene Erkrankung wurde mir klar, ehrenamtliches Engagement kann zur Entstigmatisierung beitragen. Selbst Menschen im Rentenalter können sich einbringen, es wird immer Hilfe in etlichen Bereichen gebraucht.

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