Frau Wenzel, wie sieht der typische Wolfsburger bzw. die Wolfsburgerin aus, die die Kleiderkammer besuchen?
(Lacht) Den gibt es tatsächlich gar nicht. Bei uns sind alle Menschen willkommen. Wir überprüfen keine Bedürftigkeit, sondern freuen uns einfach, wenn die gut erhaltenen Kleidungsstücke wieder getragen werden und nicht im Müll landen. Und einen gut erhaltenen Wintermantel für drei Euro – wo gibt’s das sonst?
Das klingt nicht nur sozial, sondern auch sehr nachhaltig. Wie sind Sie zu ihrem Engagement in der Kleiderkammer denn gekommen?
Als 2015 die Flüchtlingskrise unsere mediale Berichterstattung prägte, da dachte ich „Da kannst du doch auch helfen!“. Wissen Sie, ich bin Rentnerin und den ganzen Tag nur zu Hause zu sein ist mir viel zu langweilig. Deshalb gehe ich meist vier Tage die Woche in die Kleiderkammer und bin dann meist drei bis vier Stunden im Einsatz.
Wie können wir uns denn so einen typischen Tag von Ihnen in der Kleiderkammer vorstellen?
Das kommt darauf an, wo ich eingesetzt bin. An einigen Tagen sortieren wir nur die neu reingekommene Ware – da unterscheiden wir zunächst, was überhaupt noch verwendbar ist und was gleich in den Müllcontainer kommt. Ich würde mir wünschen, dass die Menschen da ein wenig mehr an unsere Besucher denken und nur das weitergeben, was sie selbst auch noch tragen würden und nichts was Löcher, Flecken oder ähnliches aufweist.
An manchen Tagen wird die Kleiderkammer aufgeräumt und Dinge, die schon lange in den Regalen liegen, aussortiert. Ab und an bin ich auch in der Warenausgabe und helfe dann zum Beispiel Familien, die passenden Kinderschuhe in den Regalen zu finden.
Haben Sie ein besonderes Erlebnis aus den letzten acht Jahren, von dem Sie uns erzählen wollen?
Ach, spontan fällt mir da gar nichts ein. Ab und an bekommen wir vor allem aus Haushaltsauflösungen kuriose Dinge auf den Tresen – sei es ein Blouson aus Ballonseide oder ein Nerzmantel. Sowas trägt natürlich heute keiner mehr, aber oft fühlt es sich wie eine kleine Zeitreise in die Vergangenheit an, diese Dinge aus den Kisten auszupacken.
Wir beenden das Interview immer gerne mit unserer Standardfrage: Wenn Sie sich mit jemanden aus dem Bekanntenkreis unterhalten und dieser Ihnen verrät, dass er oder sie mit dem Gedanken spielt, sich ebenfalls ehrenamtlich zu engagieren. Was würden Sie ihm bzw. ihr mitgeben?
Dass es für jeden das passende Ehrenamt gibt! Ich habe Freundinnen, die mir schon gesagt haben, „Ich könnte das nicht, mit meinen Händen anderer Leute dreckiger Klamotten sortieren.“ Die engagieren sich nun eher in der Kultur- oder Hospizarbeit. Meinen Lebensgefährten habe ich zum Beispiel überzeugt, doch bei der Tafel mitzuhelfen. Dort geht er nun einmal die Woche hin und hilft beim Lebensmittelportionieren – und das mit 80!