Im Interview: Günter Schütte – Ehrenamtlicher Schwimmlehrer

Herr Schütte, Sie sind wahrscheinlich Wolfsburgs bekanntester Schwimmlehrer. Wie kamen Sie dazu sich in der Flüchtlingshilfe zu engagieren?

Puh, das ist eine ziemlich lange Geschichte, die ein gutes Beispiel dafür ist, wie nach einer kleinen Aktion ein Rädchen ins andere greifen und dann etwas richtig Gutes daraus entstehen kann. Aber um zu verstehen, was ich damit meine, muss ich ein wenig ausholen:

1992 war ich Sport- und Politiklehrer in der Heinrich-Nordhoff-Gesamtschule. Kurzfristig und aus der Not geboren entschied die Stadt damals aus einer Sporthalle der Schule eine Notunterkunft für Flüchtlinge zu machen, und von heute auf morgen stand uns als Schule die Sporthalle nicht mehr für den Sportunterricht zur Verfügung.

Meine Schüler und ich waren damals einerseits wütend über das Fehlen und die Zweckentfremdung der Halle. Andererseits waren wir geschockt von den spartanischen Verhältnissen, in denen diese Menschen, die auf Ihrer Flucht sicherlich viel Leid erfahren hatten, untergebracht wurden. Als wir dies im Politikunterricht besprachen, kamen die Schüler auf eine, wie soll ich sagen, eher unkonventionelle Idee, die Wolfsburger Bevölkerung auf diesen Missstand aufmerksam zu machen. Sie planten ein Basketballspiel in der Bürgerhalle des Rathauses, was dann auch tatsächlich stattfand.

Ich war damals Lehrer geworden und zielgerichtet an eine Gesamtschule gegangen, um vor allem benachteiligte- Schüler zu unterstützen und war daher sehr stolz auf meine Schüler, dass sie sich mit dieser Aktion für Menschen einsetzten, die sonst eher keine Lobby haben!

Seitdem hat mich die Situation der Menschen, die vor Krieg oder Leid aus ihren Herkunftsländern flüchten um bei uns Schutz zu suchen, nicht mehr losgelassen. Und in meinem weiteren Leben hatte ich immer wieder Kontakte zu Geflüchteten, bis ich dann als Pensionär mehr Zeit hatte um mich hier richtig einzubringen.

Wie sah diese „Einbringung“ denn konkret aus?

2012 begann meine Altersteilzeit und 2014 bin ich dann tatsächlich in Pension gegangen. Ich habe diese stückweise Stundenreduzierung genutzt, um parallel mein Engagement in der Flüchtlingshilfe zu starten. Zunächst unterstütze ich gemeinsam mit meiner Frau das Sprachangebot der Flüchtlingshilfe. Wir gaben also Sprachunterricht. Meine Frau ist mit vielen anderen in der Asylschule Fallersleben noch heute sehr aktiv!

Ich wurde während der Sprachkurse darauf aufmerksam, dass die Kinder sich in der Unterkunft meist langweilten, während die Eltern sich auf Vokabeln und Grammatik konzentrierten. Also hatte ich die Idee, mit ihnen schwimmen zu gehen. Der Weg zum Freibad Fallersleben hätte aber rund 30 Minuten zu Fuß gedauert. Also mussten Fahrräder für die Kids her. Ein Spendenaufruf brachte viele gebrauchte Fahrräder in die Hafenstraße, teilweise aber leider auch in keinem guten Zustand. Also mussten sie repariert werden und die Idee zur Fallersleber Fahrradwerkstadt für gebrauchte Fahrräder war geboren. Diese besteht durch die Unterstützung von vielen Ehrenamtlern bis heute und arbeitet sehr erfolgreich.

So kam es dazu, dass die Flüchtlingshilfe neben Sprachunterricht fortan eine Fahrradwerkstatt betrieb und Schwimmkurse für Flüchtlingskinder anbot. Und Dank der gespendeten Fahrräder konnten an den Wochenenden schöne Ausflugstouren mit den Bewohnern der Flüchtlingsunterkunft in die nähere Umgebung unternommen werden. Anfangs immer am Mittellandkanal entlang, wo keine Autos fuhren und das sichere Fahrradfahren trainiert werden konnte. Für viele war das seinerzeit das Highlight der Woche!

Das meinten Sie Eingangs damit, dass ein Rädchen ins andere gegriffen hat, oder? Damals während der großen Flüchtlingswelle war die Unterstützung in der Bevölkerung groß. Beobachten Sie dies momentan auch noch?

Ja, genau das meinte ich. Ich sage immer: Es gibt Probleme, dafür müssen Lösungen entwickelt werden und daraus kann dann so viel entstehen. Das Unterstützer-Engagement in Fallersleben ist ein gutes Beispiel dafür! 

Und ja, damals gab es eine große Bereitschaft der Bevölkerung zu helfen. In der damaligen Berichterstattung wurde das Leiden dieser Menschen erfahr- und nachvollziehbar dargestellt und führte zu der überwältigenden Hilfsbereitschaft. Es waren vor allem die älteren Menschen, oft Rentner, die die nötige Zeit hatten und mit anpacken wollten. Leider hat die Coronapandemie da einen großen Einbruch verursacht und viele sind danach nicht wieder eingestiegen.

Kommen wir zurück zu Ihrer Tätigkeit als ehrenamtlicher Schwimmlehrer. Sie berichteten im Vorgespräch, dass es mittlerweile nicht mehr nur Flüchtlingskinder sind, denen sie das Schwimmen beibringen?

Das stimmt! Damals sind viele Menschen auf die Kinder und mich im Freibad aufmerksam geworden und so wurde ich bald von vielen Seiten dazu angesprochen, unter anderem von einer Grundschulleiterin. Ich wurde gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, als ausgebildeter Sportlehrer eine Nichtschwimmer-AG der Grundschule Fallersleben leiten zu können, was dann auch umgesetzt wurde. Und aus der anfänglichen Beckenaufsicht für die Michaelis-Kita im Hallenbad Sandkamp entstand ein erstes Angebot von der Wassergewöhnung hin zum Schwimmen lernen in dieser Kita. Über die Jahre hat sich das dann so weiterentwickelt, dass ich mittlerweile für drei Kitas dienstags Wassergewöhnung anbiete und auch schon den kleinsten Kindern das Schwimmen beibringe. Ich setzte mich dafür ein, dass möglichst wenig Kinder als Nicht-Schwimmer die Grundschule verlassen. Und dafür sollte man die besten Voraussetzungen schaffen, indem man die Kinder schon in der Kitazeit ans Wasser gewöhnt.

Aber auch größere Kinder und Erwachsene können bei uns das Schwimmen lernen! Die älteste Frau war bisher 65 und nach Ostern wird ein 67-jähriger Mann den Schwimmkurs besuchen. 

Bei uns?

Ja genau! Ich mache das zum Glück nicht mehr alleine, sondern habe mittlerweile ein Trainerteam von rund 16 Leuten aufgebaut. 70 Prozent davon sind Menschen, die bei mir das Schwimmen gelernt und sich dann so weit fortgebildet haben, dass sie heute selbst anderen das Schwimmen beibringen können. Das ist etwas, was ich in den vielen Jahren oft beobachten durfte, dass die Flüchtlinge sehr dankbar für die Unterstützung sind, die sie bei uns erfahren haben und sich sehr gern einbringen, um irgendwann etwas zurückzugeben. Und ich freue mich, dass so das Schwimmangebot weitergeführt wird, auch wenn ich mal nicht mehr am Beckenrand stehen kann. Darauf sind wir sehr stolz. 

Heißt das, Sie denken ans Aufhören?

(Lacht) Ich habe letztens zu meiner Frau gesagt: Mich müssen Sie wahrscheinlich mal aus dem Bad raustragen. Also nein, eigentlich nicht. Aber mit 72 Jahren weiß man nie, wie lange man sich noch so fit fühlt. Ich hoffe einfach, dass ich noch viele Jahre Kindern das Schwimmen beibringen kann. Wissen Sie, das Leuchten in den Augen der Kinder, wenn sie es das erste Mal geschafft haben eine Bahn durchzuschwimmen oder den Ring aus dem tiefen Wasser heraufzuholen – das ist enorm bereichernd. Gerade für benachteiligte Kinder, die es in ihrem Alltag sonst schwer haben, ist es so wertvoll die Erfahrung zu machen, dass sie etwas erreichen können, wenn sie sich richtig anstrengen und dann auch zu Recht stolz auf sich sein können. Dafür mache ich es!

Das wäre eigentlich ein schöner Abschlusssatz. Traditionell möchten wir unser Interview aber gern mit der Frage beenden, wie Sie andere Menschen in ihrem Umfeld vom Ehrenamt überzeugen würden?

Die Leute, die uns kennen, die wissen, was wir machen, da braucht es keine Überzeugungsarbeit. Immer wieder bekomme ich Anrufe und werde gefragt, wie und ob man helfen kann. Ich erkläre den Leuten dann immer, wo wir überall tätig sind und lade sie ein, es einfach mal auszuprobieren und zu schauen, ob es Ihnen Freude bereitet. Ich glaube, dass man langfristig nur hilft, wenn es einem Spaß macht. Es ist auch eine falsche Vorstellung, dass das Ehrenamt immer nur ein Geben ist, man bekommt unheimlich viel zurück, was sich mancher gar nicht vorstellen kann! Man erfährt es immer erst beim Selber tun. Und das muss man einfach mal ausprobieren. 🙂

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